Aktuelle Veranstaltungen der Ev.-luth. Kirchengemeinde Markt in Goslar

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Archiv: Besondere Veranstaltungen der Marktkirche und der Propstei Goslar
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Neue Internetseite von Propst i.R. Helmut Liersch

Helmut Liersch,Christliches,Lutherisches,Menschliches

Propst i.R. Helmut Liersch hat seine Internetseite komplett überarbeitet,neu gestaltet und aktualisiert. Auf der Seite sind nun auch die Zuammenfassungen der Veröffentlichungen zu finden, welche 2017 im Rahmen des Reformationsjubiläums erschienen sind. Außerdem sind Predigten und Beiträge im Originaltext vorhanden, so dass man sie nachlesen kann. Besonders interessant ist der RSS-Feed, der z.B. auch die Weihnachtspredigt in der Neuwerkkirche und andere Beiträge enthält.

Eine sehr interessante Seite mit vielen lesenswerten Beiträgen.

Hartmut Hädrich



Eine neue Glocke für die Marktkirche

Bildergalerie vom Glockenguss in Lauchhammer am 22. Juli 2016

Freitag 22. Juli, kurz vor halb Sieben. Nach und nach treffen die angemeldeten Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die dabei sein wollen bei der Fahrt ins brandenburgische Lauchhammer, auf dem Parkplatz vor der Kaiserpfalz ein. Es sind Mitglieder des Kirchenvorstands der Marktgemeinde, die den Guss einer neuen Schlagglocke in Auftrag gegeben hat, aber auch Menschen aus anderen Goslarer Gemeinden und sogar ein Ehepaar aus Bad Harzburg. Heinz Fischer, der ehemalige Marktkirchenpfarrer, merkt beim Einsteigen an, dass er in all seinen Dienstjahren so manches erlebt habe - aber er hat noch nie zugeschaut, wenn eine neue Glocke entsteht. So geht es den allermeisten in der Gruppe.

Die Busfahrt zieht sich; immerhin liegt Lauchhammer 340 km entfernt. Die Fahrt führt an Halle vorbei, Leipzig, Dresden, dann fährt der Bus ein Stück Richtung Berlin und erreicht schließlich den Zielort. OSL steht auf den Nummernschildern der Autos: Oberspreewald-Lausitz. Der "Industriepark", durch den wir fahren, ist eine Mischung aus Resten der Industrie früherer Tage, wohl eher mäßig erfolgreichen Infrastrukturbemühungen der Nachwendezeit und Brachland.

Die Kunstgießerei selbst aber liegt malerisch und wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Wir erfahren, dass die Gießerei schon seit dem frühen 18. Jahrhundert besteht und damit Zeugnis von einer sehr frühen Phase der Industrialisierung abgelegt. Das in dieser Region vorkommende hochwertige Rasenerz bewegte seinerzeit den Landesherrn, entsprechende Manufakturen zu begründen. Deshalb schaut die Gießerei auf eine lange Tradition auch des Glockengusses zurück, die allerdings in DDR-Zeiten unterbrochen war. Während dieser Jahre war Lauchhammer die größte Kunstgießerei der DDR. Ob Lenin oder Marx: Alles, was auf einen Sockel passte, aus Bronze war und mit heroischer Miene ins Land schaute - es kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Lauchhammer. Nach der Wende kaufte die im Hessischen ansässige Firma Rincker die Kunstgießerei und begründete die Glockengusstradition neu. Wir sind gespannt auf das Schauspiel, das sich uns beim Guss unserer Glocke darbieten wird.

Zuvor aber geht es in die nahe gelegene Kirche. Das heißt: Sie war einmal eine Kirche. Jetzt ist sie eine Dorfgemeinschaftshaus-Kulturzentrum-Kirchen-Mehrzweckhalle. Dort, wo einmal der Hohe Chor war, befindet sich heute eine Bühne. Im Eingangsbereich eine Theke - Kneipenatmosphäre. Beim Hereinkommen dudelt Unterhaltungsmusik. Einer, der hier verantwortlich zu sein scheint, begrüßt uns freundlich über eine offensichtlich auf Gesang ausgelegte Verstärkeranlage. Gut, dass Carsten Jelinski, der als Pressevertreter mitgereist ist, auch als Organist beschlagen ist. Sein einfühlsames Spiel und die wohlgesetzten Worte von Marktkirchenpfarrerin Karin Liebl sorgen dafür, dass doch gottesdienstliches Flair aufkommt. So sind wir gut vorbereitet für den Glockenguss, der sich nun anschließen soll.

Warum braucht die Marktkirche eine neue Glocke? Es geht nicht um das Geläut, das zum Gottesdienst einlädt. Sondern es sind die beiden stählernen Schlagglocken in der Spitze des Nordturmes, die der Erneuerung bedürfen. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg im Turm angebracht worden, um akustisch die Zeit anzusagen. Die originalen Glocken waren, wie an so vielen Orten im Land, vom Turm geholt worden, damit aus ihrer Bronze Kanonen werden sollten. Glücklicherweise blieb ihnen dieses Schicksal erspart. Beide Glocken, die größere, die die vollen Stunden anzeigt, wie die kleinere für die Viertelstunden, kehrten vom "Glockenfriedhof" in Hamburg nach Goslar zurück. Die größere der beiden steht seither im Seitenschiff der Kirche nahe des Nordturms und diente in den zurückliegenden Jahrzehnten als Friedensmahnmal.

Irgendwie hatte sich in der Gemeinde die Ansicht durchgesetzt, sie sei beschädigt und funktionsuntüchtig. Als vor einiger Zeit der von der Landeskirche bestellte Glockensachverständige die stählernen Glocken, die aktuell den Dienst der Zeitansage versehen, als erneuerungsbedürftig einstufte, wurde die alte, nach Goslar zurückgekehrte Glocke geprüft. Es stellte sich heraus, dass sie keineswegs beschädigt ist und wie in früheren Zeiten wieder als Schlagglocke fungieren kann. Ebenfalls vom Glockenfriedhof in Hamburg zurückgekehrt war jene Glocke, die in der Marktgemeinde als Zwillingsglocke angesehen wurde. Sie lädt heute im Kloster Riechenberg vor den Toren der Stadt Goslar zum Gottesdienst ein. Dort soll sie auch bleiben, denn sie passt nicht zu der größeren, originalen Glocke.

So reifte, auch auf Empfehlung des Glockensachverständigen, der Entschluss, ein neues, passendes Gegenstück gießen zu lassen. Es ist dem Engagement des Fördervereins der Marktgemeinde, großzügigen Einzelspenden wie auch einem Zuschuss seitens der Landeskirche zu danken, dass bald zwei aufeinander abgestimmte Glocken im Nordturm die Zeitansage übernehmen werden, gesteuert von der historischen Weule-Uhr, deren Werk unterhalb der Turmhaube aufgestellt ist. Anders als die stählernen Glocken, deren Haltbarkeit auf ca. 70 Jahre begrenzt ist, können bronzene Glocken Jahrhunderte überdauern.

Zwischen 1120 und 1140 Grad heiß ist die Legierung aus Bronze und Zinn, aus der Glocken gegossen werden. Entsprechend glüht der Tiegel rot, in dem sich das flüssige Metall befindet. Vom Meister der Werkstatt haben wir unsere Plätze angewiesen bekommen in der alten Halle. Uns kommt der Abstand ein bisschen gering vor, was auch an der deutlich spürbaren Hitze, die von dem Tiegel ausgeht, liegen mag. Dafür können wir nun alles gut sehen. Zuerst wird mit einem überdimensionalen Schöpflöffel die Schlacke von dem hell orange leuchtenden Metall entfernt, dann hebt eine Art Kran den Tiegel über die Öffnung, in die das glühende Material fließen soll. Die Gussform ist nicht "fest gemauert in der Erden", wie Friedrich Schiller es in seinem Gedicht beschreibt. Das ist nur bei großen Glocken nötig. Unsere ist noch in einer Dimension, dass schwere, aus Beton gegossene, übereinander liegende Ringe die zuvor in mühevoller Arbeit angefertigte Form zu halten vermag. Sonst aber ist alles wie schon vor Jahrhunderten. Der Meister steigt auf die Form, um den Guss dirigieren zu können. Eine Minute später ist schon alles Entscheidende geschehen. Auf die Öffnung wird Holzkohle geschüttet, damit der nun folgende tagelange Prozess des Abkühlens überall gleichmäßig geschieht.

Ob der Guss geglückt ist? In nur wenigen Fällen, so erfahren wir in dem sich anschließenden Vortrag durch den Glockengussmeister, scheitert der Guss. Ist die Glocke abgekühlt und aus der Form befreit, prüft ein Glockensachverständiger ihren Klang. Mit ein bisschen Glück stimmt alles auf Anhieb. Manchmal wird auf der Innenseite der Glocke noch etwas Material weggenommen, damit genau der gewünschte Ton erreicht wird. Inzwischen wissen wir: Unsere Glocke ist genauso geworden, dass sie gemeinsam mit ihrer größeren und bereits bewährten Zwillingsglocke künftig in viertelstündigem Abstand vom Turm der Marktkirche erklingen wird.

Am Montag, den 31. Oktober, dem Reformationstag, werden die beiden Glocken im Anschluss an einen Gottesdienst geweiht werden.

Gegen 21 Uhr kehrt unsere Reisegruppe nach Goslar zurück. Und alle finden, dass das Erlebte die lange Fahrt gelohnt hat.

Thomas Gunkel